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Donnerstag, 6. Februar 2014

MUSSOLINI VS STALIN

(Gogol Bordello)

Die nächsten Wochen werden wieder anstrengend für den gesunden Menschenverstand, es sind mal wieder Olympische Spiele. An sich ja nix Schlimmes. Ich finde diese Wettkampfübertragungen durchaus kurzweilig bis interessant und wann hat man denn als Mann schon mal eine plausible Entschuldigung dafür – von der Gelegenheit ganz zu schweigen – sich solcherlei Boomsportarten wie Eistanzen oder Curling rein zu pfeifen? Fragt die um den Testosteronspiegel besorgte Frau dann “Warum?”, dann kann man argumentativ mit “Das ist Olympia… OLYMPIA!!!” sämtliche Diskussionen im Keim ersticken. Das ist ein wenig wie bei ner Fußball-WM. Auch da fände man keinen rationalen Grund dafür sich das Vorrundendebakel von Guatemala gegen die haushoch überlegenen Kicker aus Burkina Faso anzutun – außer halt, daß es “WM ist… HAAAAAALLLOOOOOOOO, WM!!!!!”. Die besonders wortgewandten Zeitgenossen unter uns fügen dann noch ein “Alle Spiele! Alle Tore!” mit an. Prösterchen und Bierchen auf! Von daher bieten diese internationalen Sportwettkämpfe im Schneeschuhfahren, Kufengleiten und Schlittenfahren einfach eine vortreffliche Gelegenheit die Zeit vor der Glotze tot zu schlagen. Irgendwie ist das ja auch spannend, selbst, wenn man die Sportarten an sich nicht wirklich versteht und/oder um kein Geld der Welt selber ausüben würde. So weit, so gut.

Allerdings ist es nun in Deutschland schwierig geworden, sich als Bürger unbeschwert an etwas zu erfreuen. Der Deutsche muß 1. planen und 2. meckern. Sonst ist er nicht wirklich glücklich. Wozu Planungswahn führt, das zeigt ja der geradezu irrsinnige Optimierungswahn der Baupläne, den es bei BER gab. Als Ergebnis kann man sagen, daß der Flughafen zwar noch nicht fertig ist, aber wenn er es wäre, dann wäre er besser als wir es uns vorgestellt hätten bevor er überhaupt geplant gewesen war. Verwirrt? Macht nix – ich habe den Satz auch 423 Mal nachgebessert… um ihn zu optimieren natürlich. Außer Flughäfen wollen wir auch noch alles andere planen – Medaillen zum Beispiel. Früher schickte man eine Hundertschaft kerniger Burschen und fescher Mädels ins Ausland, drückte ihnen ein paar Holzlatten oder getunte Hörnerschlitten in die Hand und sagte sinngemäß “Macht mal!” Wenn die dann wieder kehrten, schaute man sich an, was sie um den Hals hängen hatten und freute sich. Als Prämie gabs noch nen Jahresvorrat Adidas-Schlüpfer (ab Werk gleich mit drei Streifen) oder nen halben Wartburg überreicht, je nachdem, für welches Bruchstück unserer schönen, bunten Aktualrepublik man die Skischuhe schnürte. Heute ist das anders. Damals gab es zwar auch schon so etwas wie “Funktionäre”, allerdings beschränkten die sich aufs Funktionieren. Heute sind das glatt geschmirgelte Pseudopolitiker, die ihre Prioritäten von Interessenverbänden “nahe gelegt” bekommen und ihre eigens für den Job zugelegte Profilneurose vor laufenden Kameras ausleben müssen. Da schiebt sich dann ein gut genährter 150 Kilo Brocken im Armani-Anzug vor die Mikros und beschwert sich, daß die Skispringer “hinter unseren Erwartungen zurück” bleiben würden. Man habe mit mindestens fünfunddrölfzig Medaillen gerechnet, was die Herren ja mit ihrem popeligen Silberrang im Teamwettbewerb ja wohl mal sowas von verfehlt hätten. Man möchte in den Fernseher hinein springen und den Moppi höchst persönlich auf die Schanze zerren, wo man ihn in einen hautengen Ganzkörperanzug preßt, Skier unterschnallt und ihn dann vom Backen schubst. Während er dann die Anlaufspur hinunter purzelt will man ihm hinterher rufen “Und jetzt fliiiiiiiieg, Goldhoffnung! ZIIIIIIIIIIIIIEEEEEEHHHHHHHH!!!!!!”

Dieser Blödsinn grassiert in allen Sportarten. Ich finde es ja schon pervers, daß Medaillenerwartungen festgezurrt und Förderung davon abhängig gemacht wird. Viel Edelmetall = viel Förderung; wenig Edelmetall = “hier hast nen Fuffi, jetzt kauf dir selbst nen Bob, du Null!” Das ist doch paranoid. Vor allem wird dann noch breit getreten, was man erwartet hat und was erreicht wurde. Bedeutungsschwer wird dann mit ernster Mine eine “Neuausrichtung der Förderstrukturen” gefordert. Da wird kritisiert, daß die hohen Erwartungen, die man in die Sportler gesetzt habe, nicht erfüllt wurden. Da werden dann, auch 2014 wird das sein, Sportler in die Mangel genommen und müssen sich rechtfertigen, warum sie nicht gewonnen haben. Sie seien doch “bis dahin im Weltcup führend” gewesen und “ausgerechnet zum Saisonhöhepunkt” habe sie eine unerklärliche Formschwäche ereilt. Medialer Liebesentzug geht damit dann freilich einher. Man sollte den Herren Funktionären mal zu bedenken geben, daß da auch noch so ein bis zwei andere Nationen mitmischen bei den Wettkämpfen. Es ist jetzt nicht so ganz unwahrscheinlich, daß diese sich trotz der deutschen Gegnerschaft auch ein wenig anstrengen und im Zweifelsfall ein oder zwei Medaillen holen wollen. Ich sags ja nur, daran sollte man denken – auch wenn es vielleicht nicht unbedingt offensichtlich ist. Die Medien, insbesondere die besonders niveauarmen Schrottblätter (… Moment, warum eigentlich Plural an dieser Stelle, sagen wir doch gleich “BILD”), springen auf den Zug auf und hauen einem permanent den Medaillenspiegel um die Ohren. Nach dem Motto: “Guckt, jetzt hat sogar Ruanda schon drei Mal Bronze und wir…?!?” Ich finde das nervtötend und bescheuert!

Die Kehrseite der Medaille (auf dieses vorhersehbare Wortspiel bin ich jetzt nicht stolz, mir fiel hat nix anderes ein) ist dann, daß man sich wundert, wenn der eine oder andere Sportler sich unter dem Druck ne Pulle Dopingmittel in die Venen jagt um diesem Blödsinn zu entgehen. Ich will das jetzt nicht gut heißen, aber wenn diese Erwartungshaltung medial geschürt wird und auch absehbar ist, daß Sieger mit Werbespots für Abführtabletten oder Matratzenschoner finanziell abräumen in der Folge, dann soll man doch bitte diese Doppelmoral sein lassen. Wer heutzutage noch an “sauberen Sport” glaubt, der ist doch eh nicht mehr zu retten. Medial ist das doch wie bei der Tour de France. Erst wurde Ullrich niedergeschrieben, weil er hinter Armstrong “nur” Zweiter wurde und hinterher wollte es wieder keiner gesendet haben, als heraus kam, daß da im Prinzip hundertachtzig Pharmalobbyisten durch die Provence rollten.

Der zweite Punkt, der des Meckerns, ist ähnlich ballaballa. 2007 vergab man die Olympischen Spiele nach Sotschi. Warum man das tat, das wird wohl auch nur das IOC wissen. Aber so lange es die FIFA gibt, wird man ja ohnehin noch einen Verein haben, der noch absurdere Entscheidungen fällt und einen dadurch noch recht vernünftig wirken läßt. Jedenfalls stellte man nicht nur hierzulande unmittelbar nach der Vergabe (so etwa im Dezember 2013) vollkommen überraschend fest, daß Sotschi in Russland liegt. Urplötzlich sah sich die selbst ernannte “kritische Öffentlichkeit” damit konfrontiert, daß wider Erwarten Korruptionsvorwürfe aufkreuzten. Auch mußte man fest stellen, daß “grüne Spiele”, wie sie sich jeder wünschte, irgendwie doch nicht zu Stande kommen werden. Die werden eher so plattenbaugrau sein. Auch tauchten plötzlich Meldungen über Enteignungen auf und man sah beunruhigt zu, wie die Russen den Spielen alles unter ordneten. Dann, was die wohl größte und unvorhersehbarste Entwicklung in der Causa Sotschi war, entdeckte ein investigativ recherchierendes Kamerateam urplötzlich eine Schwarzmeerküste bei Sotschi und deckte auf, daß es sich unter Umständen um einen so genannten “Badeort” handeln könnte. Sotschi ist traditionell praktisch wie geschaffen für Winterspiele. Das IOC reagierte überrascht und schickte eine Hundertschaft von phrasendreschenden Grußaugusten vor die Kameras der internationalen Presse. Die erklärten dann, daß doch alles voll supi ist und die Spiele die schönsten, prächtigsten, größten und überhaupt megageilsten Sportfestveranstaltungen der Geschichte werden würden. Das Interessante ist, daß sich die Weltöffentlichkeit davon blenden läßt. “Ach soooo, das ist gar nicht so schlimm sagt der nette Opi mit der Rolex und dem Belugakaviar im Mundwinkel. Na, der wird es ja wissen, der ist schließlich objektiv!”  Und natürlich geht es nicht nur darum, daß beim IOC und den Sponsoren der Rubel rollt, das ist in erster Linie ein Fest des Sports! Aber wehe, unsere Athleten holen zu wenige Medaillen!

Aber das IOC hat Glück gehabt! Nicht auszudenken, was es für Fehlentwicklungen, Umweltsünden und (igittigitt) Korruptionsskandale im Vorfeld der Spiele gegeben hätte, wenn diese nicht unter der Fuchtel wohlwollenden, am Gemeinwohl orientierten Egide eines lupenreinen Demokraten organisiert wurden wären.

Montag, 16. September 2013

BEGGARS PRAYER

(Emiliana Torrini)

Habt ihr eigentlich gewußt, daß uns und unserem Ex-Exportweltmeister urplötzlich und quasi ohne Vorankündigung der Bolschewismus droht? Nein? Nächsten Sonntag solls schon los gehen! Das sage jetzt nicht ich, nein, das sagt die FDP. Und die, die weiß ja wovon sie spricht, das haben sie schon in vier (vor allem für uns) seeeeehr, sehr langen Jahren Regierungstätigkeit bewiesen. Wenn also das Kompetenzzentrum der deutschen Sozial- und Wirtschaftspolitik verlauten läßt “Wer Rot-Rot-Grün verhindern will muß der FDP die Zweitstimme geben!” (oder “Wär rodrodgüüh vahindanwill muss Fffdepäh wähle”), dann können wir als mündiger Bürger sicher sein, dass da auch was dran ist. Was da nun genau dran ist, das weiß ich allerdings auch nicht so genau – vielleicht ist es aber auch nur so ne Art Motto; so wie “Buchen sollst du suchen, Eichen sollst Du weichen!” Vermutlich – und da bin ich mir nun wiederum ziemlich sicher – hat es auch ähnlich viel Substanz.

Es ist doch erstaunlich, daß die Liberalen nach der schallenden Watschen in die fetten, deregulierten Backen, die der Sepp ihnen gestern verpasst hat, plötzlich komplett auf Inhalte verzichten. “Rot-Rot-Grün” als argumentativer Notnagel – wer das nicht will, der muß laut ihrer Argumentation FDP wählen. Hmm, nein, muß er nicht! Er kann auch CDU währen… ebenso wie er beruhigt SPD und Grün wählen kann. Denn bis auf den Bolschewismus selbst haben alle anderen Akteure eine Regierungsbeteiligung des Selben ja ausgeschlossen. Und weil jetzt nicht zwingend damit zu rechnen ist, daß  die Linke direkt den Regierungsauftrag aufgebrummt bekommt (so groß ist Hellersdorf dann nämlich auch nicht), dann können die wie die Rumpelstilzchen durch die Talkshows nach der Wahl springen, spielen wird mit denen eh keiner. Zumal die Grünen mittlerweile doch als einkommensstarke, bildungsbürgerliche Birkenstockelite zu der sie auf Bundesebene verkommen sind und als die sie sich auch selbst zu verstehen scheinen, mit linken Werten nur noch dann wedeln, wenn gerade nix anderes zu Hand ist – mit den Linken haben die doch ungefähr so viel zu tun wie Promi-Big-Brother mit Arte. Auch wenns abgedroschen ist, aber Rainald Grebe beschrieb es in seiner Hymne “Prenzlauer Berg” extrem passend: “Schwarz-Grün wird die Republik, hier ist sie es schon. In 4, spätestens aber 8 Jahren sehe ich so ein Bündnis auf Bundesebene durchaus als realistische Option. Und dann, DANN hat es für die Sozen aber auch gehupt. Na egal, wo waren wir? Ach ja, die Bolschewisten von der FDP. Mao Tse Brüderle und Wladimir Iljitsch Rösler verkünden zusammen mit ihrem Generalsekretär Zentralratsvorsitzenden Karl Dörinx seit gestern Abend mantraartig den Arbeiter und Bauernstaat 2.0. Freilich nur, wenn man sie nicht wählt, aber dann sieht man im blau-gelben Lager schon wieder die LPG-Traktoren über die Felder fahren und in Zwickau rollen noch vor Jahresfrist wieder die Trabanten vom Band. Aha!

Ich finde diese Art von Wahlkampf – vollkommen egal, welche Partei ihn betreibt – ist eine Frechheit. Bürger haben ein Wahlrecht um ihrem politischen Willen Ausdruck zu verleihen. Im Regelfall also für die Partei zu stimmen, die ihre Interessen am Besten vertritt. Das sollten sie auch tun; und zwar so zahlreich wie möglich. Die Parteien wiederum haben dann den Auftrag, die unentschlossenen mit Argumenten und Programmen zu überzeugen. So eine Partei – nennen wir sie beispielsweise die “SESuBP – die SuomiEvensche Schnitzel- und Blödsinns-Partei” – sollte so Sachen sagen wie:

“Wenn ihr uns wählt, dann malen wir alle Kühe rosa an!”

oder

“Wenn ihr uns wählt, sorgen wir für stabile Schnitzelpreise!”

oder von mir aus auch

“Für einen höheren Spitzensteuersatz für Veganer!”

… vollkommen egal, jedenfalls muß für mich eine Partei damit überzeugen, was SIE vorhat; was SIE MACHEN will. Einen Teufel an die wand zu malen, der zumindest in diesem Jahr ohnehin noch nicht an selbiger tanzen wird, das ist ein billiger Trick. Nur weil man selber offensichtlich keine die breite Masse überzeugenden Argumente hat – zumindest keine, die einem nach vier Jahren Regierung noch abgekauft werden – darf man meiner Meinung nach nicht zu solchen Taschenspielertricks greifen. Klar, die FDP nennt das “taktisch wählen” – Taktik am Arsch, Genossen!!!! Taktik ist für mich als Wähler, daß ich MEINE Interessen mit meiner Zweitstimme stärke, nicht eure. Selbst die CDU, mit der man ja noch regiert und von denen man ja rotzdreist die Zweitstimmen abziehen will, hat ja unversehens klar gestellt, daß die Dreiprozenter doch mal bitte selber für ihre Stimmen sorgen sollen und man sich diese Abwerbeversuche der Zweitstimmen verbittet – ich finde das gut.  Die sollen mal schön ausbaden, was sie sich eingebrockt haben. Ich hoffe, daß die Union das nochmal möglichst laut wiederholt, daß ihre Wähler dann doch bitte auch sie wählen sollen (viele hören ja auch schon nicht mehr so gut… ), nur um sicher zu gehen, daß keine auf diesen liberalen Blödsinn eingeht. 4 Jahre Parlamentsabstinenz hat man sich bei der FDP nämlich redlich verdient. Wer schon eine Woche vor der Wahl keine eigenen Themen mehr im Wahlkampf einbringen kann, tja, der sollte lieber gleich zu Hause bleiben.

Abschließend noch ein weiteres Ärgernis des gestrigen Abends. Neben der vollkommen ballaballa daher kommenden Panikmache mit einem Bündnis, das es so nicht geben wird, hat mich das ewige Gelaber von der “Stimme für die Freiheit” genervt. Die FDP stellt sich hin, als sie sie in Deutschland der einzige Garant für eben jene. Der Slogan an sich ist ja schon vollkommen inhaltsleer – “Freiheit”, “Freiheit” in welcher Hinsicht!? Freiheit zur institutionell unbeeinflußten Sockenwahl am Morgen? Quatsch mit Soße ist das doch! Was meinen die denn, was die anderen (ernst zu nehmenden) Parteien sind – verfassungswidrig? Vollpfosten! Wahrscheinlich hat man sich intern in der FDP schon derart in dieser Bolschewismus-Rhetorik vergaloppiert, daß man sich selbst als so eine Art “Uncle Sam” begreift, der dem fehl geleiteten, weil nicht mehr liberal wählenden, Stimmvieh auf Gedeih und Verderb die Freiheit bringt – ob das nun gewünscht ist oder nicht. Freiheit braucht man in Deutschland aber nun wahrlich nicht spezifisch wählen, die hat man in ihrer grundlegenden Ausprägung so oder so. Alleine die Stimmabgabe verstehe ich als Votum für die Freiheit, egal für welche Partei (mit einigen scheißbraunen Einschränkungen natürlich). In einigen Teilaspekten unterscheiden sich die Parteien dann sicherlich noch was ihr “Freiheitsbild” angeht, aber grundsätzlich geht es uns hier doch gut, wenn man sich den Rest der Welt anschaut. Und die “Freiheit” mich aus gesetzlich verpflichtenden Sozialversicherungssystemen zurück zu ziehen, nur weil mir gerade mal so ist, ich sie gerade nicht brauche aber die langfristigen Folgen eh nicht abschätzen kann – diese Form von “Freiheit” möchte ich nicht mal geschenkt haben wenn ich in Länder blicke, die das schon haben. Die kann sich der Döring in die Haare schmieren – der alte Klassenfeind!

PS: Wer verfolgen will, wie sich das Gebettel um Zweitstimmen von Menschen, die einen sonst nicht wählen würden, ausnimmt, dem sei der Twitteraccount von Herrn Döring ans Herz gelegt. Ich bin der Meinung, daß diese Art von Wahlkampf für eine gut aufgestellte demokratische Partei würde- und stillos ist.

Montag, 15. Juli 2013

BICYCLE RACE

(Queen)

Wie jedes Jahr zur Tour de France-Zeit gehen mir ARD und ZDF massiv auf die Ketten! Genauer gesagt ihre “Sport”redaktionen. Ich sage dann zu mir selbst immer das, was die @MsPittili für sich als Alternativtitel für “Hart aber Fair” auserkoren hat: DA KÖNNT’SCH MICH UFFRESCHE!!

Wenn man ARD und ZDF heutzutage ärgern will, dann sagt man einfach nur “Radsport”! Dieses Wort, das an sich nur eine Sportart beschreibt, reicht mittlerweile aus um die Redaktionen der GEZ-finanzierten Moralisten in Rage zu versetzen. Auch wenn, oder besser: gerade weil die Tour de France derzeit durch das Nachbarland rollt. Alle unter uns, die die ausgehenden 90er und die erste Hälfte der Nullerjahre mitgemacht haben und über einen funktionstüchtigen Kabelanschluß verfügten, können sich daher ein leichtes Kopfschütteln nicht verkneifen. Es war 1996, als Bjarne Riis zum Toursieg radelte und in seinem Schatten ein sonnensproßiges Bübchen mit dem unverkennbar teutonischen Herkunftsnachweis “Jan Ullrich” plötzlich auf Platz zwei des Podiums rollte, als die öffentlich Rechtlichen plötzlich ihr Herz für den gepflegten Pedaltritt erkannten. 1997 wurde dann aus der aufstrebenden plötzlich eine Boomsportart. Ullrich gewann die Grand Boucle in beeindruckender Manier, hängte Richard Virenque ab und wechselte beim letzten Zeitfahren am Berg sogar noch sein Sportgerät. Im Nachhinein so etwas wie die Wurzel allen Übels. Verzieh man ihm 1998 noch seinen Hungerast, der ihn hinter Marco Pantani “nur” auf Platz zwei führte, sollte er in den folgenden Jahren die ganze Wucht der seitens ARD und ZDF geschürten Erwartungshaltungen zu spüren bekommen. Um ihn herum wurde ein gewaltiges Marketingmonster ins mediale Feld geführt. Gut, Ullrich selbst hat sicherlich auch seinen Schnitt gemacht dabei, aber ob es das im Nachhinein wert war… ich weiß es nicht. Was folgte waren die Dominatorjahre des Lance Armstrong, welcher Ullrich bisweilen mit hanebüchener Leichtigkeit abhängte. Ullrich versagte gegen den Amerikaner. So sah es zumindest die Medienwelt und allen voran ARD und ZDF. Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, wie ich damals aus der Vorlesung direkt zum heimischen TV hetzte um die Etappen zu verfolgen. L’ Alpe d’Huez war ohnehin immer gesetzt, aber auch Zeitfahren und Co. waren immer die Highlights jener drei Wochen. Was mich damals schon störte war die Hyperfokussierung auf Ullrich und das “Team Telekom”. Heutzutage würden die mit ihrer gedrosselten Tempoarbeit ja keinen Blumentopf mehr gewinnen, aber damals war das noch anders. Mit Erik Zabel holten sie Sprintwertungen mit Ansage, Ullrich mischte im Gesamtklassement immer vorne mit (“vorne”, das ist mehr als nur Platz 1, bei der Tour sind das mindestens die ersten drei Plätze – eigentlich sogar die Top 10 wie ich finde) und hin und wieder schnappte sich ein anderer noch eine Etappe. Was nebenher noch passierte, so Leute wie Jens Voigt oder Marcel Wüst, die wurden in Berichten zwar erwähnt, jedoch schwang im Subtext immer ein “talentierter Mann, aber für das tolle Team Telekom reicht es halt nicht” mit. Bloß gut, daß es schon damals auch Eurosport gab. Wenn einem da die magentafarbene Götzenverehrung zu nervig wurde, konnte man bequem zu jenen umschalten, die das Ganze wesentlich objektiver und vor allem lockerer sahen. Spätestens nach Armstrongs zweitem Streich kippte die Berichterstattung dann endgültig, zumindest ist das mein Eindruck im Nachhinein. Ullrich wurde medial praktisch zum Toursieg gezwungen. Die Discoaffäre kam noch dazwischen und hätte es nicht die wahnsinnig spannende 2003er Tour gegeben, hätte der öffentlich rechtliche Rundfunk ihn wohl schon viel früher in die Verzweiflung getrieben. Damals wurden die mit Abstand penetrantesten Reporter ins Fahrerlager entsandt, wo sie Ullrich vor und nach den Etappen regelrecht auflauerten. Die Fragen waren immer die gleichen: “Was war heute los?”, “Warum war Armstrong so stark?” und “Was haben sie in der Vorbereitung vielleicht falsch gemacht?”. Das ging nicht nur dem Ulle auf die Nerven, sondern auch mir. Nicht genug, daß man zusehen mußte, wie der Cocktailami der ganzen Radsportwelt um die Ohren fuhr, der einzige, der wenigstens noch halbwegs mithalten konnte wurde nach jeder Sekunde Zeitverlust medial runderneuert. Wenn man das über Jahre immer und immer wieder mit ansehen muß, dann verliert man den Spaß an der schönen Sportart. Das Lustige an der Sache ist im Nachhinein, daß bereits damals im Radsport alles eingeworfen wurde, was bei drei nicht im Medizinschrank war. Man wußte es doch! Ich sage nur "Festina” oder “Pantani”. Da gab es Teamfahrzeuge, die an den Grenzen durchsucht wurden und bei denen man eine mittlere Apothekenausstattung entdeckte. Aber der öffentlich rechtliche Rundfunk sprach das nicht an; zumindest nicht bei Armstrong und Ullrich. Doping, das war was für die Anderen, die “Bösen”. Ullrich durfte eh nicht in Verdacht geraten als Zugpferd der eigenen Berichterstattung und Armstrong… erstens hätte man es sich nicht mit dem großen Rivalen verscherzen wollen, man brauchte ja auch von ihm weiterhin Statements und Interviews, und zweitens hatte man sich selbst längst in eine Zwickmühle hinein berichtet. Wäre heraus gekommen, daß das radelnde Aushängeschild der Nation in seinen großen Duellen vom Opponenten nach Strich und Faden behumst wurde, hätte man für so einige “investigative” Nachfragen, die dieser ungekrönte Personenkult mit sich brachte, entschuldigen müssen. ARD und ZDF hatten sich sozusagen verradelt. Das machte jetzt die Sendungen freilich nicht besser, eher im Gegenteil.

Heute, mit dem im Hinterkopf, was man weiß, wundert einen gar nichts mehr. Wie hatten die sendenden Anstalten denn bitte so blind sein können Doping immer nur bei den anderen zu suchen? Warum hat man denn nicht schon damals den großen Aufklärer gespielt statt nur mit hängender Zunge durchs Fahrerlager zu hecheln und allen mit den Fragen um Jan Ullrichs Wettkampfgewicht auf den Sack zu gehen? Jetzt, da das Kind nicht nur in den Brunnen gefallen war sondern schon mehrfach gepflegt abgesoffen ist, wo Ulle nicht mehr fährt und kein deutscher Klassementsfahrer mehr in Sicht ist, jetzt wird derart penetrant “aufgedeckt” und moralisiert, daß dem Fuentes die Kanüle aus der fällt. Liebe ARD, liebes ZDF: Das bringt jetzt bloß nichts mehr! Ihr steckt in eurer eigenen Vergangenheit fest, die ihr nicht mehr ändern könnt. Was ihr zuerst ein Jahrzehnt lang ignoriert habt, versucht ihr jetzt durch Überkompensation zu reparieren. Nur, das wird nicht klappen! Eure Berichterstattung ist rückwärts gewandt. Armstrong hat gedopt, Hamilton, Contador… na und?!? Diese Heinis fahren zum Teil schon längst keine Renne mehr, das ist vorbei! Nur was kann der Jungprofi von heute dafür, daß seine Idole von damals sich täglich das Who-is-Who der pharmazeutischen Industrie in die Adern gepfiffen haben? Nichts! Und hätte Ullrich, der ja kürzlich auch einräumte gedopt zu haben, das nicht gemacht, was glaubt ihr denn, wie der Armstrong den bei der Tour vernascht hätte?!! Die Fragen, die er sich von euch hätte gefallen lassen müssen, die hätte ich aber nicht gestellt haben wollen. Nicht geschenkt hätte ich die haben wollen. Was ihr eigentlich zu vertuschen sucht, ist doch die eigene Mitschuld an der ganzen Scheiße, die ihr eben durch eure Berichterstattung tragt. Sicher, ihr habt keinem die Nadel in den Arm gedrückt, aber ihr habt auf der Jagd nach Quoten und Sensationen lange genug weg geschaut, zumindest bei denen, die die Leute vor den Fernseher lockten. Daß dann raus kam, daß das alles ein Trugbild war, das war natürlich die größtmögliche Katastrophe für euch. Man kann natürlich verstehen, daß ihr dann die Senderechte zurück gebt, da mache ich euch keinen Vorwurf. Immerhin gibt es ja noch Eurosport, auch wenn Klaus Angermann mittlerweile nicht mehr kommentiert. Aber wenn man das tut, sich “bewußt gegen eine Berichterstattung entscheidet” wie es damals hieß… dann sollte man sich verflucht nochmal auch daran halten! Alle paar Wochen einen “Dopingexperten” oder “reuigen Sünder” ins Sportstudio einzuladen, das wirkt an sich schon lächerlich und trägt NULL zur Aufklärung bei! Warum nicht? Ganz einfach: Weil mittlerweile jeder begriffen hat, daß die Zeit damals nichts mit “sauberem Sport” zu tun hatte. Also laßt es doch ruhen! Die Aufklärung machen die Verbände und wenn sie dann noch den einen oder anderen auffliegen lassen, dann ist das auch gut damit. Was derzeit, gerade während der Tour, die man ja nun “bewußt” nicht mehr überträgt, in Sportreportage etc. abgeht, das ist peinlich, scheinheilig und vor allem unfair. Jeder Beitrag wird erst einmal mit einer kurzen Chronologie des Dopings eingeleitet. Bevor es um den Sport an sich geht, wird erläutert, daß man sich bei den modernen Dopingtechniken ja eh nie so 100%ig sicher sein kann und man daher nur unter Vorbehalt auf die Ergebnisse hinweisen will. Das kann man dann auch lassen, liebe ARD und liebes ZDF! Solche Einspieler tun genau das, was im Rechtssystem verboten ist: Sie stellen alle unter Generalverdacht und propagieren Suppen… nee… Sippenhaft. Ich bin nicht so dumm zu glauben, daß da heute nur gute Pasta und Wadenmassagen das Feld antreiben, aber alle über einen Kamm zu scheren und erst einmal ins Blaue hinein Doping zu unterstellen… lächerlich.

Wie gesagt: Laßt es einfach! Wer sich bewußt gegen etwas entscheidet, der sollte es auch konsequent tun und nicht hintenrum noch Synergieeffekte der aktuellen Rennen mit abfassen. Den großen, edlen Aufklärer im Namen des Sports nimmt euch eh keiner ab – nicht wenn er euch zu Ullrichs aktiven Zeiten erlebt hat.

PS: Diesen tollen “Dopingjäger Professor Franke”, den ihr immer hofiert, den nimmt übrigens auch keiner mehr ernst… verdrehter Opi!