Freitag, 11. April 2014

DANKWART IST TANKWART–Rainald Grebe und das Orchester der Versöhnung – 01.04.2014 in der Stadthalle Chemnitz

 

“Im Auenland lächelt Heidi Klum und an den Rändern fliegen die Nazguls rum!”

Es hat ne Weile gedauert, aber endlich bin ich unter oben genanntem Motto zurück gekehrt in mein logorrhoeisches Reservat der verbalen Selbstdeskriptivität. In den letzten Wochen war ne Menge los bei mir – was mich wiederum fern hielt vom Geschriebsel. Aber wenn mich was zurück an die Tastatur bringt, dann ist es ein Konzert; wobei “Auftritt” es diesmal wohl eher beschreibt. Here-we-GO:

Aufmerksame Leser dieses Blogs werden es schon festgestellt haben: Dieser Typ hier hat definitiv einen Faible für die Kleinkunst des Rainald Grebe. Folgerichtig war ich in den vergangenen Jahren schon mehrmals zu Gast bei seinen Auftritten. Jedes Mal, wenn der Herr ein neues Programm an den Start bringt, da hüpft das Herz und der Klick beim Kartenkauf fällt leicht. Sehr leicht. Warum? Weil der Mann ein Genie ist, anders kann man es einfach nicht sagen. Klar, es ist nicht jedermanns Sache was er macht, aber wenn man einmal vom Grebe-Virus befallen ist, dann ist es zu spät. Ich für meinen Teil habe mir abgewöhnt die Alben vor dem Konzert zu kaufen – aus Gründen. Diese bestehen im Wesentlichen darin, daß es einfach viel unterhaltsamer ist, das neue Programm vom Chef persönlich dargeboten zu bekommen. Vorm Konzert oder wahlweise auch in der Pause wird die dazu gehörige CD (diesmal ein Doppelsilberling) einfach als Andenken erstanden. Vorweg geschickt sei mal, daß ich das 2014er Programm grandios finde – eines seiner besten bisher! Da meine Mutter den Rainald ebenfalls recht knorke findet, lud ich sie kurzerhand (auch nicht zum ersten Mal) in die Stadthalle zu Chemnitz ein. Organisierte Karten und ein Abendessen. Zu gegebener Zeit schlenderten wir dann ins Foyer der Stadthalle und standen zunächst ein wenig abseits herum. Wieso? “Laß uns mal bissel über die Leute lästern!” – und das war nicht mein Text. Als der Beginn näher rückte begaben wir uns auf unsere Plätze. Ca. 10 Minuten nachdem wir uns gesetzt hatten erlosch auch schon das Licht im Saal. Es ist freilich schwer die folgenden drei Stunden in Form einer Setlist zusammen zu fassen, in diesem Fall geht das einfach nicht. Grebe-Auftritte sind immer so eine Art Gesamtkunstwerk. Das Überraschende, was man aber erst feststellt, wenn man ihn zwei Mal mit dem gleichen Programm erlebt, ist, daß die Mätzchen und Sprüche zwischen den Musikstücken derart spontan scheinen, daß man sich gar nicht vorstellen kann, daß sie eigentlich minutiös einstudiert sind. Das ist eine große Kunst, zumal spontane Elemente immer noch irgendwo hinein fließen wenn es sich anbietet. Aber im Großen und Ganzen hat man es mit einem perfekt durchgeplanten Stück Chaos zu tun. Einem Chaos, aus dem sich irgendwo zwischen Klamauk und ziemlich guten Musikern, die ziemlich gute Musik machen und dabei bisweilen ziemlich lächerliche Kostüme tragen eine köstlich pointierte Gesellschaftskritik erhebt. Dieses Jahr knüpft sich Grebe mit seinem Orchester der Versöhnung das vor, was er die “Berliner Republik” nennt. Dabei dekliniert er das vom Großen bis ins Kleine hinein durch.

Ob er nun in “Berliner Republik” gleich zu Beginn einen recht amüsanten, aus Fakten zusammengereimten Sozialstrukturatlas des ganzen Landes zusammensingt oder hinab steigt bis in die Küchen des so genannten “kleinen Mannes” und sich mit dem Herrmannkuchen auseinandersetzt. Grebe schafft es einfach immer wieder Momentaufnahmen Deutschlands zu liefern. War sein Programm “1968” noch eher retrospektiv unterlegt, lag dieses Jahr der Schwerpunkt eindeutig auf dem aktuellen Phänotyp von Muttistan. Highlights – das war für mich schon immer so – sind vor allem die Songs, in denen er sich einzelne Personen oder Typen von Leuten vornimmt. Auch 2014 enttäuschte er sein Publikum nicht. Ganz großes Kino diesbezüglich ist die Verschmelzung von “Graf Draculas innerem Monolog” und Volksmusik – “Fürst von Liechtenstein”. Derart pointiert und oberflächlich wertfrei muß man das erst einmal hinbekommen. Oberflächlich deshalb, weil es nicht wertfrei ist. Indem Grebe die Betreffenden und auch sich selbst ordentlich auf die Schippe nimmt schafft er es ziemlich gut beim Publikum seine Botschaft unter zu bringen – man muß halt nur ein bissel mit denken. Andere Beispiele sind der Abgesang auf die “Multitasker” als moderne Lebensform und natürlich das großartige “Art”. Letzteres prangert zwar den Untergang des deutschen Theaters an, liefert allerdings auch gleich mit einen der Gründe – selbstreferenzielle Arthouse-Hippies mit vermeintlichem Pachtvertrag für Intellektualität. Richtig groß ist auch “Berater” – wo der Titel eigentlich schon alles sagt.

Mittendrin im Kanon von Sketchen und musikalisch verhohnepiepelten Versatzstücken der modernen Gesellschaft schwimmen dann so wohltuende Inseln des angenehmen Wortwitzes wie etwa das bei mir auch enorm große Gegenliebe gestoßene “Advent”. Ein Hoch auf die Weihnachtszeit – und zwar 24/7! Bisweilen wird auch gegen den Trend zur Vergutmenschlichung angesungen, indem man hymnisch “Das Ende des weißen Mannes” besingt in dem sich selbiger nicht winselnd und geschlagen dem Ökohippietum ergibt, sondern mit einer boshaften Nonchalance Zigarre rauchend im Frack am Flügel lehnt und seinen eigenen Abgesang mit einem guten Scotch hinunter spült bevor der Vorhang fällt. Nicht anprangern, untergehen mit Würde. Die Kehrseite dieser Medaille schwingt natürlich, wie bei Grebe nunmal üblich, auch wieder im Subtext mit.

Abgerundet wurde dieses Gesamtbild der BRD – irgendwo zwischen Wohlfühlrepublik und GroKo-Irrsinn – mit einem der besten Songs des Abends: “Kokon”. Wenn ein Lied die Bundesrepublik Deutschland sowie Europa im Jahr 2014 perfekt zusammenfasst, dann dieses. Natürlich durfte im Zugabenblock auch “Brandenburg” nicht fehlen – wobei natürlich auch der nötige Schuß Selbstironie nicht fehlen durfte, weil er in der breiten Öffentlichkeit bisweilen auf diesen Song reduziert wird. Der Gastgeberschaft widmete man dann noch “Sachsen”, was zwar logisch scheint, aber beim Rainald und seinem chaotischen Wesen auch hätte ganz anders kommen können. Insgesamt wurde man zum Ende des Abends hin mit drei Zugaben beglückt, was die ganze Veranstaltung inklusive der Pause auf gute drei Stunden und 15 Minuten streckte. Die Kunst bei sowas ist, daß man die Zeit nicht merkt – und so war es auch. Gefühlt war es viel zu schnell vorüber. VIEL zu schnell.

Bevor ich zum Fazit schreite sollen euch noch zwei Songs ans Herz gelegt werden, und zwar wärmstens. Die leisen Töne beherrscht Grebe zweifelsohne genau so gut wie den Schabernack. Dieses Jahr ist “Loch im Himmel” das, was “Lonely Planet” im letzten war: Ein überraschend eingewobener Kloß-im-Hals-Song, der einfach aber genial instrumentiert einen ordentlichen Schuß Moll mit ins Spiel bringt. Ganz großes Tennis! Das andere Lied spielte deutlich mehr in der Klamaukecke seines Könnens. Gekonnt werden in “Dankwart ist Tankwart” inhaltsleere, berechnete Provokation und der eifrige Petitionsblödsinn der Gegenwart auf die Schippe genommen. Demaskierend!

Unterm Strich war die Karte jeden Cent wert – und zwar gleich mehrfach! Auch bin ich heilfroh, daß ich mir die CD geholt habe. Seit Grebe nicht mehr Studioalben raus wirft, sondern gleich das ganze Programm als Livemitschnitt liefert sind die Dinger die optimalen Andenken an einen derart gelungenen Abend. Auch jetzt gerade dudelt die akustische Erinnerung fröhlich im Hintergrund. Sollte der Rainald mit seinem Orchester der Versöhnung demnächst in eurer Nachbarschaft auftreten – zögert nicht, geht hin. Ich hoffe, ich habe noch nicht zu sehr gespoilert, aber es lohnt sich definitiv! Einen unterhaltsameren Abend kann man sich mitunter nur wünschen, aber wohl kaum erreichen. Neben einer gepflegten Zwerchfellmassage und Denkanstößen erhält man zwischen den Zeilen auch noch die Gelegenheit sich vom Meister eine Selbsterkenntnis über sein Heimatland durch die mentale Hintertür vermitteln zu lassen. Vergeßt die so genannten “Comedians”, von denen hat keiner das Format gegen den Rainald an zu stinken. Sollen die mal die Olympiastadien der Republik füllen, Rainald Grebe erfüllt Erwartungen – das ist wesentlich mehr wert.

Wer sich nach all dem Geschwurbel von mir nun fragt, wie Rainald Grebe denn Deutschland in der Gegenwart sieht, der sei auf die Textzeile aus “Kokon” verwiesen, die ich als Einstieg wählte.

PS: Da wir hier nicht im ZDF sind kann man ja auch Werbung machen… und das tue ich hiermit. Hier der Link zum Album. Vielleicht entschließt sich ja der eine oder andere zum Kauf, Grebe ist es einfach wert.

PPS: Mir ist bewußt, daß ich damit Amazon promote und einige das (also Amazon) für böse halten und mich intrinsisch anprangern werden – geht mir aber am Arsch vorbei! Dann schert euch runter von meinem Blogg und lest  “Wild und Hund” – ihr Hippies!

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