Mittwoch, 5. Juni 2013

THIS DEPRESSION

(Bruce Springsteen)

Habt ihr eigentlich auch so Ecken in einer, vielleicht sogar in eurer Stadt, an die ihr irgendwelche Kindheitserinnerungen habt? Vielleicht nur ganz, ganz dunkle, aber immerhin. Es ist heutzutage und vor allem hier im Osten eine relativ ernüchternde bzw. spannende Sache, diese Orte mal wieder aufzusuchen. Hier, in Chemnitz, gibt es da so einen ganz besonderen Ort.

Früher, also ganz damals, als ich noch in Berlin wohnte (genauer gesagt in der Hälfte von Berlin) und Ochs und Esel den Sozialismus noch nicht erreicht hatten, da weilte ich oft im Erzgebirge bei meinen Großeltern. Wenn wir mal ganz was Besonderes tun wollten, begaben wir uns auf einen Ausflug ins gut 40 Kilometer entfernt gelegene Three-O-City. Damals hieß das wirklich noch so… oder so ähnlich zumindest. Wir bestiegen einen der quietschgelben Ikarusbusse und zuckelten knapp 2 Stunden über die Dörfer. Das war damals ein Highlight, weil es da an gehobenen Konsumgütern nur “nüscht” gab, im Gebirge gabs hingegen meistens “gar nüscht”. Also mal überspitzt formuliert. Aber im Grunde genommen war das damals halt so, daß ein Besuch in einer größeren Stadt noch spannend war und man sich das “mal gönnte”. Ich kann mich da noch dunkel dran erinnern, daß ich irgendwann im Alter von vielleicht 7 oder 8 Jahren mit meiner Oma solch einen Ausflug unternahm. Wie gesagt: 2 Stunden Gezuckel über irgendwelche Dörfer im Gelenkbus und der kleine Even wollte unbedingt ganz hinten sitzen. Als wir dann in den Busbahnhof Chemnitz einfuhren, nicht etwa vorher, nein, sondern buchstäblich auf den letzten Metern, geschah etwas familienintern durchaus legendäres. Meine Oma in feinster Ausgehgarderobe war mental schon ausgestiegen und hatte ihre Handtasche bereits geschultert, als ich eine meiner einsamen, oft nicht 100%ig nachvollziehbaren Entscheidungen zu einem unvorhergesehen Terrorakt traf. Während Oma sich schon in Richtung Bustür bewegte, nutzte ich den unbeobachteten Moment um in einem geradezu apokalyptischen Strahl mein bereits gut angedautes Frühstück ins Businnere zu reihern. Und das war ein umfangreiches Frühstück – sollte ja den ganzen Tag halten. Ohne Vorwarnung und mit der tödlichen Präzision einer Cruise Missile verzierte ich die umliegenden Sitze. Mit jeder Wiederholung dieser Story wurde es im Übrigen schlimmer. Als ich es zum 20. Mal erzählt bekam, was ich damals gemacht habe, haben gemäß der Schilderungen sämtliche Passagiere knietief im Morast gestanden wegen mir. Zwinkerndes Smiley Meine Oma wandte daraufhin den unserer Familie zuweilen sehr eigenen Bewältigungsmechanismus an und zerrte mich mit “wir waren das nicht” – Miene aus dem Bus. Erst draußen und in respektvollem Abstand zum Bus wurde ich ein wenig gesäubert. Da ich aber so vorbildlich gezielt hatte, waren meine Klamotten sauber und wir konnten unseren Kurzurlaubstrip in Karl-Marx-Stadt wie geplant abhalten.

Warum ich euch das erzähle? Keine Ahnung, ist halt ne coole Geschichte. Ob das was mit dem ersten Absatz zu tun hat? Natürlich! Denn bevor wir mit dem Bus (Gott sei Dank ein anderer Fahrer – und auch ein anderer Bus) die Rückreise antraten, lud meine Oma mich noch auf ein Eis ein. Retrospektiv war das jetzt nicht unbedingt die beste Idee eingedenk der Geschichte vom Vormittag – aber auch das liegt irgendwie in der Familie. Es ging aber alles gut auf dem Rückweg, soviel sei verraten. Jedenfalls ist genau DAS, also dieses Eis, eine von insgesamt zwei Erinnerungen, die ich mit dem Brühl – Boulevard in Chemnitz verbinde. Wir betraten eben diesen (lag ja gleich um die Ecke des Busbahnhofes) und ich erinnere mich noch, wie wir leicht erhoben, auf ein paar gemauerten Podesten, unter Sonnenschirmen auf diesen DDR-Blechgartenstühlen saßen und ich auf einer belebten, schicken Prachtstraße einen meiner damals so heiß geliebten Schwedeneisbecher verdrückte. Toll wars und der Brühl, der machte echt was her. Heute würde man das wohl “Szene-Viertel” oder “Flaniermeile” nennen.

Wie es da heute aussieht, das seht lieber selbst:

brühl1

brühl 2

brühl3

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Selbst die paar Läden, die da nach der Wende eröffneten, sehen heute aus wie von einem Atombombentestgelände:

brühl4

Und die Eisbar, in der man mir damals diesen sensationell apfelmusigen Schwedeneisbecher kredenzte und die man heute noch hier in Three-O-City mit rückwärtsgewandter Nostalgie verklärt…

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… naja – der gings bestimmt auch schon mal besser. Es ist erstaunlich bis erschreckend, wie eine doch noch relativ zentral gelegene Gegend einer Stadt derart verfallen und entvölkert werden kann. Würde da nicht ab und zu ein Flohmarkt stattfinden, wäre da gar keiner mehr zugegen tagsüber. Seit Jahren versucht man den Brühl wieder zu beleben, der Erfolg ist offensichtlich.

PS: Die zweite Erinnerung an den Brühl – für die, die es noch interessiert – besteht seit ca. 10 Jahren. Wir, eine Gruppe von angehenden Universalgenies mit jeder Menge Durst, hatten an einem Vormittag unsere letzte Vordiplomsprüfung abgelegt. Wir wußten noch nicht, ob wir bestanden haben (waren uns da aber recht sicher), wollten aber die an diesem Tag steigende “Lange Kneipennacht von Chemnitz” nutzen um uns gehörig die Lampen auszuknipsen in angemessener Atmosphäre gesittet zu feiern. Wir begannen in der Innenstadt und kamen dann auf die irrwitzige Idee “Laßt uns mal auf den Brühl gucken, da war früher immer was los.” Als wir von da wieder zurück waren, waren wir nicht nur desillusioniert, sondern auch wieder nüchtern. Hätte ich eine Zeitmaschine, ich würde in der Zeit zurück fliegen und mich warnen… .

brühl7

Kommentare:

  1. Nichts schmeckt so lecker, wie der legendäre Schwedeneisbecher!

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  2. Wo kramst Du nur diese Erinnerungen her... der legendäre Trip zum Brühl! Wo sind wir dann schlussendlich gelandet an dem Abend???

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  3. Am Ende waren wir glaube ich wieder im Wohnheim und haben uns bei ein paar Bierchen "die Kassierer" näher bringen lassen (müssen). ;-)

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