Mittwoch, 30. Oktober 2013

PAY ME MY MONEY DOWN

(Bruce Springsteen)

Ich habe ja neulich die Rubrik “Phrasenrodeo” eingeführt. Heute wurde ich spontan wieder an eine weitere erinnert. Nun, nicht direkt, sondern eher über 5 Ecken, indem das Thema “Polizei” angesprochen wurde und ich dabei spontan an eine Sendung denken mußte, die ich vor ein paar Wochen in der Mediathek nebenher dudeln ließ. Der Hintergrund ist recht simpel: Die Polizei versteht sich bisweilen ja als “Dienstleister an der Gesellschaft”. Das ist gut und sicherlich auch richtig so. Allerdings wird das bisweilen auch, wie soll ich sagen, “mißverstanden”. Nachdem ja mittlerweile jedweder Kommune vorgeworfen wird, die Blitzeranlagen in Form von gezielter Autofahrermelkerei zu betreiben, indem man die Radarfallen an vollkommen sinnfreien Locations aufbaut, sah man sich scheinbar genötigt gegen zu steuern. Es gibt in einigen Bundesländern die Möglichkeit, sich beim Schutzmanne zu melden und eine Verkehrskontrolle an einer beliebigen stelle zu initiieren, an der man meint, daß es da mal Not täte. Das taten auch einige und oftmals macht das auch Sinn. Im Rahmen der Doku wurde es aber leicht absurd. Irgendwo in der Eifel existiert eine Strecke, die an bestimmten Wochentage für Motorradfahrer gesperrt ist. Nun führt diese Strecke nicht etwa an schulen, Kindergärten, Altenheimen oder diversen Atommüllendlagern vorbei, die jeweils vor den Zweiradrambos geschützt werden müssen. Schaut man sich den Streckenverlauf beidseits der “Piste” an, gestaltet der sich ungefähr so: Links ein Baum, rechts ein Baum… und dazwischen: Zwischenraum! Im Zwischenraum, man glaubt es kaum: Noch ein Baum! Sprich: Wald! Nun hatten aber drei semisenile Graukappen, denen der Tag offensichtlich zu lang wurde, die bombastische Idee, man könne sich doch über diese Volksnähe-Aktion der Polizei ne grüne Minna bestellen und die StVO endlich mal durchsetzen. Daß da das Fernsehen dabei war, das spornte die Kalkheimer naturgemäß noch mehr an in ihrer Selbstgerechtigkeit.

Im Ergebnis standen dann die Polizisten mehrere hundert Meter nach dem Verkehrsschild hinter einer Kurve und zogen Zweiradfahrer nach Zweiradfahrer sprichwörtlich “aus dem Verkehr”. Die mußten dann blechen und durften wieder abdampfen. Die Polizisten machten das durchaus sehr sympathisch und freundlich wie ich fand; gut, ich würde da auch nicht meinen knurrigsten Beamten hin schicken wenn die Kamera läuft (obwohl das den Unterhaltugnswert sicherlich gesteigert hätte). Ein paar Meter abseits standen dann die Rentner, die Herrenhandtasche stramm ums Handgelenk gezurrt und überwachten das Treiben. Mit jedem Verwarnten stieg der Wichtigkeitsindex der Knispelrunde auf ein neues Level. Selbstzufrieden lächelnd begannen sie im Überschwang der Emotionen schließlich auch noch die ganze Aktion zu kommentieren. Man müße doch sehen “daß alles seine Ordnung hat” und es könne ja nicht sein, daß diese Rowdys die schönen, großen Verbotsschilder einfach so ignorieren – wo kämen wir denn da hin?! Hätte eigentlich bloß noch gefehlt, daß einer der doppelbeherzten Granufinken “beim Adolf hätte es das nicht gegeben” zu Protokoll gegeben hätte. Das traute man sich dann aber doch nicht, mag an den anwesenden Ordnungshütern gelegen haben. Was sie allerdings auf die Nachfrage verlauten ließen, warum sie sich denn an die Polizei gewendet hätten, das hatte dann schon allerbeste “Phrasenrodeo”-Qualität. Der offensichtliche Rädelsführer der ordnungsfanatischen Stützstrumpfbande – btw: ein besonders verhutzeltes Exemplar – raunzte mit durchgedrücktem Rückgrat und im Brustton tiefster Überzeugung folgendes in die Kamera:

“Ich bin Steuerzahler!”

Interessant! Und die Motorradfahrer? Die nicht? Ich mache da schon auf den ersten Blick leichte, aber nur ganz, ganz leichte Logiklücken in seiner Argumentationsstruktur aus. Mir fiel dann aber auf, daß das ein relativ beliebter Einwand hierzulande ist. Ich habe das auch schon öfter erlebt. Beruflich wie privat… bisher aber wesentlich öfter beruflich. Wenn einem was nicht passt, dann ist er immer gleich “Steuerzahler”.

Beispiele: Mann wird mit 230 im verkehrsberuhigten Bereich geblitzt und soll den Lappen abgeben? Reaktion: “SKANDAL! Ich bin STEUERZAHLER!” Die Gebrüder Müller spielen auf dem Rasen Fußball (TROTZ entsprechendem Verbotsschild): “Ich zeige eure Väter an! Schließlich bin ich Steuerzahler!” Jemand drängelt sich an der Kasse vor: “S-T-E-U-E-R-Z-A-H-L-E-R!!!!” 

Ich frage mich, was das beim Gegenüber bewirken soll. Ich für meinen Teil bin noch nie erschrocken zusammen gezuckt und habe mir dann gedacht “Huch!!! Ach herje, ein Steuerzahler! Jetzt sollte ich aber lieber ganz schnell sämtliche Rationalität, Gesetzeslage und Vernunft vergessen und ihro Majestät umgehend jeden Wunsch erfüllen!” Bestenfalls war ich ein wenig überrascht (“Ahhh, so sehen die also aus!”), weil ich anscheinend noch nie zuvor einen gesehen hatte (wenn mit das ein “Steuerzahler” unterstellt, dann muß das ja stimmen, “Steuerzahler” haben ja bekannter Weise immer Recht… IMMER!). Gut, Steuerzahler sind wir jetzt alle, aber nur die absolute Elite darf das auch öffentlich äußern – sich quasi “outen”. Vielleicht ist das aber auch mehr als eine Drohgebärde, vielleicht hat das ja sogar so was wie Informationswert für das Gegenüber dieses “Steuerzahlers”. Vielleicht meinen diese “Steuerzahler” ja, daß es ihnen in irgend einer Art und Weise Macht oder Verfügungsgewalt über die Staatsdiener gibt. Darauf deutet auch hin, daß dieses “Ich bin Steuerzahler”, sollte es mal nicht angemessen ernst genommen oder gar mit Ehrfurcht quittiert werden, gerne noch um ein “Ich zahle ihr Gehalt!” erweitert wird. Aha…! Die immanente Logik lautet dann praktisch: “Mein Haus! Mein Auto! Meine Yacht! Mein Rennpferd! Mein Polizist! Mein Richter!”  Warum? Weil sie Steuerzahler sind (Mensch Leute, passt doch mal bissel besser auf hier!) “Steuerzahler” ist heutzutage so etwas wie der selbstgebastelte Persilschein für penetrantes Verhalten. Ich meine: Was will man denen denn auch entgegnen. Im Grunde genommen haben sie ja Recht, nur hat das meist keinen Sachbezug. “Ich bin Steuerzahler” ist als Argument ungefähr so stichhaltig und überzeugend wie “Ist halt so!” oder “Bielefelt existiert” – kompletter Nonsens eben!

Denkt man das mal konsequent zu Ende mit dem “ich bezahle Dich, also gehörst Du mir”, dann landen wir wo??? Prostitution? NEIN, also bitte! Wo ihr gleich wieder hin denkt, ihr Schelme! Nein, wenn man das mal rational durchspielt, dann stellt man fest, daß diese Phrasendreschmaschinen sich alle für kleine Berlusconis halten (hmm, ich hätte die Prostitutionsanspielung nicht sofort negieren sollen fällt mir dabei auf). Grinsende, einsfuffzich große, schmierige Geldsäcke, die sich mit ihren Penunzen die eine oder andere Vergünstigung verschaffen können, welche dem Normalbürger verwehrt bleibt. Aber spätestens hier beißt sich die Katze aber auch wieder endgültig in den Schwanz; denn was ist Onkel Berlusconi laut Gerichtsurteil anscheinend nicht gewesen? Röchtöch: STEUERZAHLER!

Zwinkerndes Smiley

Kommentare:

  1. Na, ich frage mich schon seit Jahren, ob ich als Steuerzahler nicht einen eigenen Beamten habe? Werden die denn zugeteilt? Oder kann ich den raussuchen? Wenn, dann würde ich mein persönliches Exemplar gerne mal ansehen, da wäre es aber doch von Vorteil, wenn der nicht in einem anderem Bundesland seinen Ruhestand im Amt genießt. Und kann ich auch ein Ressort haben? Ich hätte gerne einen, der zupacken kann. Der kann dann im Sommer kommen. Ein Lehrer wäre prima, die haben doch so viel frei. Aber können die denn dann auch zupacken?

    Außerdem gebe ich den älteren Herren vollkommen recht. Es kann doch nicht angehen, dass die bescheuerten Motorradfahrer mit ihren Körper versuchen, die Bäume zu beschädigen. Am Ende noch mit den festen Helmen zuerst. Ne, also, unser Staat verroht. Früher.... Ach ne, das darf man ja nicht mehr sagen ;-)

    AntwortenLöschen
  2. Apropos Steuer ... ich wollte doch noch mit dem Finanzamt kommunizieren. Gleich mal zu den Mails wechseln.
    Grüße! N.

    AntwortenLöschen
  3. Sehr lustig :D

    Was den Bericht angeht, fände ich es wesentlich sinnvoller gewisse Verbotsschilder würden hinterfragt werden, als da ramdösig die Kontrolle aufzustellen... Die Strecke da ist bestimmt nur reglementiert, weil zu hohe Geschwindigkeit auch das Unfallrisiko drastisch erhöht. Und wer kratzt dann die Überbleibsel von den Straßen? Der Steuerzahler. Natürlich.

    AntwortenLöschen